Die Persönlichkeit die ich sein will!

Die große Illusion

Hirnforscher stellen fest, dass wir nicht die Welt wahrnehmen, sondern ein Fantasiebild, das sich mit ihr deckt – meistens.

Schließen Sie einmal ein Auge. Sehen Sie jetzt ein Loch im Text, einen schwarzen Fleck auf der Zeitungsseite? Nein? Dann haben Sie allen Grund, misstrauisch zu sein. Denn auf ihrer Netzhaut ist ein solcher Fleck. Weil die Netzhaut falsch herum aufgebaut ist, mit den Sinneszellen nach innen und den Nervenfortsätzen nach außen zum Licht gewandt, benötigt sie dieses Loch, durch das die gesammelten Nervenbahnen, wie ein dickes Kabel, die visuellen Informationen Richtung Gehirn schicken. Dennoch nimmt kein Mensch so einen schwarzen Fleck im Sichtfeld wahr, weil das Gehirn die Lücke auffüllt und uns eine heile Welt vorgaukelt.

Misstrauen gegenüber unserem Gehirn ist also angebracht. Das haben auch Psychologen mühsam lernen müssen. Lange waren sie vor allem begeistert von der Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes, wie gut wir Farben sehen, wie genau wir Objekte greifen, wie gut wir Muster erkennen. Aber inzwischen ist klar: Nicht alles was wir sehen, fühlen, hören ist auch Realität. „Wenn Sie etwa in der Ferne eine Frau sehen, die Sie an Ihre Frau erinnert, dann werden Sie viel schneller glauben sie zu erkennen, als Sie sie wirklich sehen. Das Gehirn ergänzt die fehlenden Informationen“, sagt Peter Falkai, Psychiater an der Universitätsklinik Göttingen.

Das Gehirn ist bemüht ein möglichst schlüssiges Modell der Welt zu liefern. Was nicht passt, wird passend gemacht. Dafür füllt das Gehirn nicht nur Lücken auf, es rechnet auch voraus, was in der Zukunft zu erwarten ist. Am einfachsten ist das bei dem, was wir selber tun. „Wenn jemand ganz kurz das Licht ausschaltet, dann merken wir das natürlich. Aber wenn wir blinzeln, dann merken wir nicht, dass die Wahrnehmung kurz ausgeschaltet ist“, sagt John Dylan-Haynes vom Bernstein Center for Computational Neurosciences in Berlin. Weil das Gehirn selbst den Befehl zum Blinzeln gibt, kann es auch den kurzen Ausfall des Blickfeldes vorhersagen – und ignorieren. Das Bewusstsein wird einfach umgangen.

Ähnliches gilt für jede Augenbewegung. Schließen Sie noch einmal ein Auge und bewegen Sie dann Ihren anderen Augapfel mit einem Finger hoch und runter. Es sieht aus, als würde die Welt sich auf und ab bewegen. Jetzt gucken Sie einmal nach oben und wieder nach unten. Obwohl auf der Netzhaut dasselbe geschieht, fühlt es sich im zweiten Fall nicht so an, als würde sich die Welt bewegen. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Das Gehirn schickt nicht nur den Befehl, sich zu bewegen, an die Augen, es schickt auch eine Kopie an die Wahrnehmungszentren. „Das Gehirn weiß also, dass es eine Bewegung zu erwarten hat und unterdrückt die Wahrnehmung dieser Bewegung“, sagt Haynes. Das tut es bei jeder Bewegung, bei jedem Schritt, bei jedem Handgriff. Deshalb ist es auch nicht möglich, sich selbst zu kitzeln. Das Gehirn ist sich selbst immer einen Schritt voraus.

Wie wichtig das ist, zeigen Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen. So erleben manche Menschen, die an Schizophrenie leiden, ein besonders verstörendes Symptom, den Beeinflussungswahn. Diese Menschen haben das Gefühl, dass ihre Bewegungen von fremden Mächten kontrolliert werden, sie selbst aber keinen Einfluss auf ihre Gliedmaßen haben. Die Theorie: Weil die Ankündigung der Bewegung im Gehirn nicht an ihr Ziel gelangt, nehmen diese Menschen ihre eigenen Bewegungen so wahr, wie gesunde Menschen nur Bewegungen erleben, die jemand anders mit ihnen durchführt. Vieles spricht für diese These. So hat Chris Frith, ein Neuropsychologe vom University College in London, nachweisen können, dass schizophrene Menschen sich auch selbst kitzeln können.

Aber nicht nur über den eigenen Körper auch über die Außenwelt macht das Gehirn permanent Vorhersagen – und interessiert sich dann vor allem für die Dinge, die anders kommen als erwartet. So haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut (MPI) für Hirnforschung in Frankfurt im Februar eine Studie veröffentlicht, in der sie zeigten, dass unser Gehirn vor allem dann aktiv wird, wenn es einen Sehreiz nicht vorhersagen kann. Die Forscher zeigten Versuchspersonen auf einem Bildschirm einen Balken der sich bewegte. Gleichzeitig maßen sie die Aktivität in dem Teil des Gehirns, der visuelle Informationen verarbeitet. Dort fanden sie immer dann ein starkes Signal, wenn ein Balken aus dem erwarteten Bewegungsmuster ausbrach. „Wir schließen daraus, dass das Gehirn nicht einfach nur auf Signale aus den Sinnenorganen wartet. Stattdessen versucht es aktiv, mögliche Sinneseindrücke vorherzusagen. Treffen die Vorhersagen zu, kann das Gehirn die tatsächlich eintreffenden Informationen besonders effektiv verarbeiten“, sagt MPI-Direktor Wolf Singer.

Das gilt nicht nur für das, was wir sehen, sondern auch für das, was wir hören. Spielt man einem Menschen in regelmäßigen Abständen denselben Ton vor, so zeigt das Gehirn wenig Aktivität. Sobald aber ein Ton etwas höher oder tiefer liegt als die Vorgänger, wird das Gehirn aktiv. Etwas ganz Ähnliches haben Forscher bei gesprochener Sprache zeigen können. So zeigen Menschen die größte Gehirnaktivität dann, wenn ein Wort in einem Satz überraschend ist. „Bei einem Satz wie ,Der Toaster ist glücklich’ sieht man beim letzten Wort plötzlich ein starkes Signal“, erklärt Frith.

Und vor wenigen Tagen hat der Hirnforscher Antonio Damasio im Fachblatt „Nature Neuroscience“ eine Studie veröffentlicht, in der er zeigt, dass der Teil unseres Gehirns, der Geräusche verarbeitet, auch dann aktiv ist, wenn es gar nichts zu hören gibt. Damasio zeigte acht Testpersonen kurze Stummfilme, die zum Beispiel einen krähenden Hahn, einen heulenden Hund oder eine zerbrechende Vase zeigten. Gleichzeitig maß er die Aktivität im Hörzentrum des Hirns. Es war bei allen Testpersonen aktiv, obwohl es völlig still war, als die Filme gezeigt wurden. Innerlich hörten die Probanden offensichtlich Hahn und Hund. Die Muster waren sogar so unterschiedlich, dass die Forscher allein an Hand der Hirnsignale vorhersagen konnten, ob die Testperson ein Tier, ein Instrument oder eine andere Szene gesehen hatte.

Das gewöhnliche Bild von Wahrnehmung – Reize aus der Außenwelt treffen auf die Sinnesorgane, diese leiten Informationen an das Gehirn weiter, das daraus ein Weltbild erstellt–, ist demnach veraltet. In seinem beeindruckend klaren Buch „Wie unser Gehirn die Welt erschafft“ (Spektrum-Verlag, 312 Seiten, 24,95 Euro) bringt Frith es auf eine einfache Formel: Was wir wahrnehmen, ist ein Fantasiebild, das sich mit der Realität deckt. „Meine Wahrnehmung ist eine Vorhersage dessen, was in der Außenwelt sein sollte“, sagt Frith. Diese Vorhersage wird dann mit dem verglichen, was die Sinne tatsächlich an das Gehirn melden. Im Idealfall fallen Fehler in der Vorhersage auf und führen so dazu, dass das vorhergesagte Weltbild angepasst und verbessert wird.

Doch woher kommen die Vorhersagen über die Welt? Manche sind über Millionen Jahre entstanden und Teil der kognitiven Grundausstattung mit der wir auf die Welt kommen. Dass Licht von oben kommt zum Beispiel oder dass Gesichter nach außen gestülpt sind. Darum nehmen wir auch das Innere einer Hohlmaske wahr, als sei es nach außen gestülpt. Unser Gehirn kann nicht anders, als ein normales Gesicht sehen. Denn es hat über Jahrmillionen gelernt: Nach innen gestülpte Gesichter gibt es nicht.

Andere Vorhersagen beruhen auf unseren eigenen Erfahrungen. Steht zum Beispiel ein Rotweinglas vor uns auf dem Tisch, so berechnet das Gehirn den zu erwartenden Geschmack. Entsprechend überrascht reagieren wir, wenn wir das Glas an die Lippen setzen und es plötzlich süß schmeckt.

„Wir wissen inzwischen, wie viel das Gehirn macht, ohne dass es uns jemals bewusst wird. Das ist viel mehr, als wir früher geglaubt hätten“, sagt Frith. Deswegen habe sich eine ganz neue Frage ergeben: „Wenn das Gehirn all diese Dinge unbewusst so gut erledigt, wofür brauchen wir dann überhaupt das Bewusstsein?“

Der Psychologe hat darauf auch eine simple Antwort parat: Wir nehmen manche Ereignisse und Entscheidungen bewusst wahr, damit wir darüber reden können. „Wir können uns über die Dinge, die unbewusst passieren, nicht austauschen. Aber wenn unsere Kommunikation einen Nutzen entfalten soll, dann müssen wir uns über unsere Erfahrungen austauschen können“, sagt Frith.

Quelle: Tagesspiegel 18.05.2010 02:00 Uhr Von Kai Kupferschmidt

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